Eine Reise zum Orakelsee Lhamö Latso
von Puntsok Tsering
Im Sommer 2007 bin ich länger in Zentraltibet gewesen, um eine Tibethaus-Reisegruppe1 zu leiten und meine Verwandten und Freunde wieder zu sehen.
Mit der Gruppe bin ich von Lhasa aus Richtung Lhoka gefahren. Die Schönheit der Landschaft des Yarlung-Tals und das Rauschen des Yarlung Tsangpo Flusses haben wir während der Fahrt sehr genossen. Die berühmte Legende der Herkunft der Tibeter und die Geschichten des Purgyal2 Tsenpos (Yarlung Königreich) ging durch meinen Kopf. Nach sechs Stunden Autofahrt und bevor wir den Phurtang-la Pass hochfuhren, haben wir unser Picknick an einem steinigen Flussufer gemacht. Dieses Picknick war das erste Picknick, das wir auf diesem Trip auf dieser Hochebene gemacht haben. Es war ein kurzer, romantischer Moment, umgeben von den Geräuschen und Düften der wilden Natur.
Der Pass ist über 5000 Meter hoch. Wenn es regnet, ist er sehr schlecht zu befahren, weil die Erde rutscht, und die Straße nicht besonders breit ist.
Gott sei Dank hatten wir gutes Wetter. Als wir auf dem Pass angekommen waren, sah ich die flatternden Gebetsfahnen, Kataks und Lungtas.
„Ki Ki, Soh Soh, Lha Gyal lo!“, hörte ich auf einmal unseren Fahrer und Guide schreien. Das ist ein typischer Ausruf, wenn man auf einem Pass ankommt, mit dem man dann den Gott oder die Gottheiten ruft und Unterstützung einholt. Auf dem Purtang-la erblickten wir auf einmal einen mächtigen Schneeberg, den Ödi Gung Gyal. Der Schneeberg "zeigte seine Schönheit in alle Richtungen"- wie wir Tibeter sagen. Laut der Legende soll Ödi Gung Gyal auch einer der ältesten Schneeberg - Gottheiten sein und der Vater des Nyenchen Tang-la.
Von der Spitze des Purtang-la Passes schaute ich ins nördliche Tal mit sehr viel Grün und Wäldern, den Weg, den wir gleich fahren würden.
Auf der Südseite sah ich zurück in die Landschaft, von der wir her kamen, eine typische, trockene Hochebene.
Auf der linken Seite der Straße, am Berg, bemerkte ich eine Stelle, an der Bodenschätze im Auftrag der chinesischen Regierung abgegraben wurden, und der Bergrücken sah aus wie eine Wunde. Nach einigen Stunden kamen wir in Gyatsa an, wo wir insgesamt zwei Nächten übernachten würden. Gyatsa ist ein kleines Dorf, umgeben von alten Haselnussbäumen. Wie überall in Tibet sah man hier mehr als genug chinesische Restaurants und Geschäfte.
Am nächsten Morgen nach einem einfachen Frühstück begann unser "heiliger Tag". Wir fuhren aus Gyatsa, das relativ niedrig liegt, hoch durch das so genannte Metok Thang, das "Tal der Blumen". Eine wunderschöne Landschaft, die man an die Schweiz erinnert.
Schließlich hielten wir an einer kleiner Ruinenstadt an, in deren Mitte sich ein neu errichteter Tempelbau befand. Diese Ruinenstadt war einmal eine große Klosteruniversität gewesen. Sie trug den Namen Chökhor Gyal und war auf den Wunsch des zweiten Dalai Lama (1475-1542) im Jahre 1509 gebaut worden. Vor seiner Zerstörung lebten dort ca. 500 Mönche. Das Kloster gehört der Gelugpa Schulrichtung an.
Wir fuhren die Straße weiter hoch und gelangten schließlich an eine Stelle, von der aus wir nur noch zu Fuß weitergehen konnten. Wir mussten ca. 30 Minuten den Berg aufwärts steigen. Der Weg war sehr steil, die Luft war dünn, der Wind war scharf, mal schien die Sonne, mal nicht, die Wolken zogen her und hin, mal regnete etwas, mal nicht.
Alles wirkte auf mich sehr geheimnisvoll. Die Landschaft um mich herum sah mysteriös aus, vielleicht bildete ich mir das nur ein; aber auf jeden Fall besaßen die Berge ganz unterschiedliche Farben und Formen.
Als wir schließlich oben auf dem Pass ankamen, der über und über mit Gebetsfahnen bedeckt war, da sahen wir mit einem einmal den heiligen See - tief unten. Um an sein Ufer zu gelangen, hätten wir bestimmt noch zwei Stunden wieder absteigen müssen.
Da gingen mir erst einmal sehr viele Gedanken durch meinen Kopf, anstatt mich auf Visionen zu konzentrieren.
Ich dachte über das Schicksal Tibets nach, über das der Dalai Lamas, über die Göttin Palden Lhamo, über die tibetische Mythologie und vieles mehr.
Man konnte es ganz deutlich sehen von hier oben: Der Orakelsee Lhamö Latso, der "See der Göttiin"3 besitzt die Form einer menschlichen Schädelschale. Er hat die Größe von zwei Quadratkilometern, liegt 5200m hoch. Die Oberfläche des Sees zeigt meistens eine silberne oder milchige Farbe. Es gibt oft kleine Wellen auf der Seeoberfläche, die Wellen entstehen ohne Windbewegung. Manchmal hört man sehr eigenartige Geräusche. Auch habe ich vernommen, dass ab und zu rote Wolken am Himmel hinter dem See auftauchen.
Es gibt auch Momente, wo der See sehr still ist, dann erscheint er wie ein Spiegel.
Der See besitzt die Lebensenergie (tib. bla4) einer speziellen Form der großen Schützerin Tibets, nämlich der Palden Lhamo Marsung Gyalmo.
Der zweite Dalai Lama Gedün Gyatso hat "das Tor des Heiligen Sees geöffnet"; das geschah zu dem Zeitpunkt, als er 37 Jahre alt war. Er schreibt in seiner Autobiographie:
"Kurz bevor wir an das Seeufer kamen, gab es noch einen kleinen See, den man als Torhüter des eigentlichen Sees bezeichnen kann. Hier hatten wir Opfergaben dargebracht. Ich kam hierhin zusammen mit über zehn Ritualmeistern. Danach traten wir ans Seeufer, unternahmen eine Anrufung der Palden Lhamo. Da kam ein Wind aus dem Osten und ging ins Wasser hinein. Plötzlich begann sich der See vor unseren Augen zu verändern, und er nahm nacheinander alle Farben des Regenbogens an. Darin erschienen viele Bilder, Mandala-Formen und so weiter. Dann wurde die Oberfläche klar wie der Himmel, und aus dieser Klarheit heraus tauchten zahllose Bilder auf, unter anderem geometrische Muster…. Alle möglichen dramatischen Szenen waren zu sehen.
Schließlich sah es so aus, als koche der See. Er warf Blasen und nahm die Farbe von Milch an. Kein Tropfen sah mehr wie Wasser aus. Während dieser ganzen Zeit erblickten wir alle Dinge, die darin erschienen, gleichzeitig.
Seit dieser Zeit haben über fünfhundert Menschen den See aufgesucht, um eine Vision zu erhalten...
Diejenigen, die über einen reinen Geist und eine reine Gesinnung verfügen, scheint dieser mystische Kraftort solche Erfahrungen in einem ununterbrochenen Strom zu schenken."
Laut Legende gibt es in Tibet viele Bäume, Berge, Felsen und Seen, in denen solche Lebensenergien verankert sind. Palden Lhamo (Skr. Shri Devi) bedeutet die "Großartige Göttin". Seit dem zweiten Dalai Lama besitzt Palden Lhamo offiziell eine besondere Beziehung zu den Dalai Lamas allgemein.
Als der große fünfte Dalai Lama (1617-1682) sowohl die weltliche als auch geistliche Verantwortung Tibets übernommen hatte, wurde sie zum Staatsorakel. Sie gilt als das so genannte "schwarze Orakel", weil sie dunkelblaue Farbe hat. Nechung gilt als "rotes Orakel". Die beiden gelten gleichzeitig als persönliche Schutzgottheiten der Dalai Lamas und auch als Tibets höchste Schützer. Die blaue Palden Lhamo wird hauptsächlich in der Gelugpa Schulerichtung verehrt. Die rote Palden Lhamo Dorjee Rabden wird in Sakya Schulrichtung verehrt, z. B im Shalu Kloster.
Dieser heilige See hat eine sehr große Bedeutung und Beziehung für alle Tibeter, die an seine Kraft glauben. Auch jeder Dalai Lama geht einmal im Leben hier her. Die Visionen, wo ein neuer Dalai Lama wiedergeboren wird, werden auch hier geschaut. 1933, kurz nachdem der große 13. Dalai Lama verstorben war, ging eine Suchmannschaft zum See und blieb einige Zeit. Eine sehr eindeutige Vision mit drei tibetischen Buchstaben (AH, KA, MA 5) wurde von den Meditierenden im See gesehen.
Vor 1959 stellte der Staat hier auch seine Zukunftsfragen.
Aber auch jeder "normale" Tibeter, der hier her pilgert, versucht mit einer Vision nach Hause zurück zu kehren.
Unsere Gruppe setzte sich ganz ruhig an die Stelle, wo es steil ins Tal hinunterging.
Alle schauten an den See, konzentrierten sich, versuchten Visionen zu sehen. Die dunklen Wolken tanzten am Himmel, doch kein Tropfen Regen viel herab. Einmal schien die Sonne kurz, als ob ein Signal gegeben würde, dass die Vision jetzt beginnen würde.
Die dünne Luft war kühl. Tibetische Pilger warfen sich nieder, und einige schauten sehr intensiv in Richtung See. Ich kroch unter den Gebetsfahnen durch, um einen kleinen Platz zwischen den Felsen zu finden, wo ich auch eventuell meine Zukunftsvision sehen könnte.
Erst versuchte ich den See als tibetische Landkarte zu betrachten; dann gingen mir sehr viele Gedanken durch den Kopf, und unbestimmte Bilder erschienen verschwommen zwischen dem See und meinen Augen.
Eine wirklich klare Vision habe ich diesmal nicht gehabt. Aber ich werde - hoffentlich oft - wiederkommen an diesen magischen Ort.
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Anmerkungen:
1 - Tibethausreise unter der Leitung von Namtso-Reisen (www.namtso.de). Namtso bedeutet ´übrigens "Himmelssee" und liegt 112km nördlich von Lhasa. Es ist der höchste Salzsee der Welt.
2 - Purgyal Tsenpo oder Yarlung Tsanpo (400 v. Chr. - 846) Das ist der Name der tibetischen Ära der Yalung Könige, die meisten im Yarlung Tal wohnten. Vom ersten tibetischen König Nyatri Tsenpo bis Lang Dharma oder Wudem Tsepo gab es insgesamt 42 Könige.
3 - Lhamö Latso: Lhamo heißt Göttin, La heißt Lebensenergie, Tso heißt See.
4 - La (tib.: Bla ) oder Lebensenergie. Das ist eine Energie, die nur in diesem Leben eine Rolle spielt. Der Energie sich mit der Geburt von jemanden. Sie hat nichts mit Lungta (Windpfard), der Glücksenergie, oder einer Art Seele zu tun.
5 - Dies war die Vision, die von Reting, dem Regenten Tibets (1911-1947) gesehen wurde. Reting Rinpoche hatte von 1934-1936 Tibet regiert. "Ah", "Ka" und "Ma", gefolgt vom Bild eines Klosters mit jadegrünen und goldenen Dächern, sowie von einem Haus mit türkisfarbenen Ziegeln. Ah= Amdo, eine Provinz Tibets, Ka= Kloster Kumbum, Noch mal Ka und Ma als Karma pa Ropal Dorjee Kloster, das in der Nahe des Ortes liegt, in dem der zukünftige Dalai Lama geboren wurde.
Quellen:
Aus dem Buch: gong’sa’Ta’la’i bla’ma’sku’phring’rim’byon’gyi’chos’srid’mdzrad’rnam ‚
„die politische und religiöse Biographie der Dalai Lamas“, von Jigme Samdrub, erschienen 2000 im „Peoples Publishing House, Beijing, S.49-51
Aus dem Buch: The Power-Places of central Tibet, A pilgrim´s Guide, von Keith Dowman, erschienen 1988, Routledge & Kegan Paul (London & New York) S. 259-261
Aus dem Buch: Du dKar Tschig mdZod Chen Mo „ Dungkar Tibetological Great Dictionary“ von Prof. Dungkar Lobsang Thrinley Rinpoche, erschienen 2002 im „China Tibetology Publishing House, Beijing, S. 672-673
Aus dem Buch: lHo Kh’i Chos ‘Byung sKyed M’i Nu Rin,“History of Lhoka region” von Kadrub, erschienen 2005 im “Peoples Publishing House, Beijing, S. 53-55